1/52: Neubeginn
Manchmal wünsche ich mir, einfach mal von vorne anfangen zu können. Ich bin ein schlechter Videospieler geworden. Nicht Fähigkeitsschlecht, ich spiele immer noch, bis auf so die ein oder andere Hybris, die meisten Spiele auf den höheren Schwierigkeitsgraden. Ich bin Verwöhntheitsschlecht. Ich bin ein Nörgler geworden. Ich finde die meisten Spiele, Ausnahmen bestätigen die Regel, in der Hauptsache okay. Oder verkraftbar. Und ich spiele ziemlich viele Spiele, in der Hoffnung, etwas neues, tolles geboten zu bekommen, finde das aber höchst seltenst und Irgendwann, nach ein paar Jahren voller Spiel, Spaß und Spannung, hat man praktisch alles gesehen. Man hat immer mal wieder ein paar schlechte Spiele gespielt, ziemlich viele mittelmäßige und auch einige gute. Früher wusste man das aber mangels Vergleich noch nicht und konnte sich auch für fragwürdige Machwerke noch begeistern.
Es muss wohl irgendwann mitte des letzten Jahrzehnts gewesen sein, als ich unbewusst beschlossen habe, Spiele ab jetzt nicht mehr zu mögen, es sei denn, sie können mich davon überzeugen. Was war davor nur los! Ich habe mit zitternden Fingern neue Spiele in mein SNES eingelegt und fing beinahe an zu weinen, als nur der Titelbildschirm erschien. Das war alles supertoll und ich hatte was neues in der Hand. Ich war automatisch begeistert, aus der bloßen Tatsache heraus, dass ein Videospiel existiert. Das hatte zur Folge, dass ich das Spiel dann nicht einfach nur genossen, sondern verschlungen habe. Ich bin darüber hergefallen. Über Monate hinweg. Hätte es damals schon Achievements gegeben, ich hätte sie alle gehabt. Weil ich, wie ich das gerne ausdrücke, wenn die ganzen klugen Internetmenschen nicht hinhören, damals noch drauf abnerden und mich darüber freuen konnte.
Dieses Gefühl vermisse ich. Ich würde gerne alles vergessen, was ich über Videospiele weiß. Ach, was soll der Geiz? Ich will die gesamte Popkultur vergessen. Ich will wieder an der Spitze des Eisberges kratzen, versuchen, hineinzukommen, dann eintauchen, mich total darin verlieren können, bis es mir zu den Ohren rauskommt, das dann aufsammeln und damit einfach nochmal von vorne beginnen. Ich will Neues entdecken, nicht nur altes wiederentdecken. Es wird Zeit für eine neue Form von Unterhaltung, die mir dieses Gefühl wieder geben kann.
Oder, alternativ, ich wurde einfach nur alt.
(Nummer 1 von 52 gerade kurz vor Schluss überhaupt angefangen und sogar fertig geworden. Challenge Accepted.)

