Hier beliebiges Wortspiel mit Schlaflosigkeit einfügen

Denn, sind wir mal ehrlich, wir können die dummen Witze über Alan Wake einfach nicht mehr ertragen. Es ist übrigens so, dass im Spiel nie erwähnt wird, dass er unter Schlaflosigkeit leidet. Er ist nur eben die ganze Nacht wach, das heißt nicht, dass er nicht schlafen könnte, wenn es ihm denn den Umständen entsprechend erlaubt wäre. Genau genommen sieht man ihn im Spiel mindestens zwei Mal schlafen, soweit ich mich erinnere und Flashbacks nicht mal mitgerechnet. Von daher sind die ganzen Witze nicht nur dumm, sondern auch noch unangebracht. Daher folgt nun, entgegen allem, an das ich glaube, völlig seriöse Berichterstattung über Alan Wake.
Für die, die zu faul sind, den restlichen Text zu lesen: Alan Wake ist toll, ihr dürft es euch kaufen. Für alle anderen: Ihr solltet gefestigt sein, was bestimmte Spielerlebnisse anbelangt, damit euch Alan Wake uneingeschränkt gefallen wird. Denn das Spiel als Spiel ist mehr mittelmäßig als überwältigend. Zu Anfang macht es noch wahnsinnig viel Spaß, Gegner ein wenig anzublinken, bevor man sie erschießen darf, aber das nutzt sich relativ schnell ab. Abwechslung soll reingebracht werden durch Dinge wie Leuchtfackeln und Blendgranaten, die dann sozusagen die Massenvernichtungswaffen für Dämonen darstellen, aber auch dadurch kommt nie so richtig viel Spannung in die Kämpfe1. Die Action hat zwei große Schwierigkeiten. Erstens ist das Spiel absolut berechenbar. Fast jeder Feindkontakt sieht so aus, dass zwei Gegner von vorne durch eine kurze Zwischensequenz angekündigt werden, während sich einer von hinten anschleicht, der dem Spieler Probleme bereiten soll. Zweitens hat man absolut keinen Ressourcenmangel. Man kann auf die Kacke hauen so viel man will, man kann fast jeden Gegner einzeln mit einer Blendgranate ausschalten, sie werden einem nie ausgehen. Und da Alan sowieso gefühlt alle fünf Minuten seine komplette Ausrüstung verliert (es ist aber auch schwer, sich an einer Taschenlampe festzuklammern) tut es nie wirklich weh, Gegenstände zu benutzen. Zusammen damit, das man von Anfang bis Ende gegen die immer gleichen Gegnertypen kämpft, entwickelt das Spiel eine völlig neue, eigene Definition von “Repetitiv”.
Doch leider ist das Spiel ansonsten super. Es nervt mich immer, wenn ein spielerisch herausragendes Spiel langweilig präsentiert oder ein Spiel mit einer Wahnsinnsstimmung spielerisch dumm ist und Alan Wake gehört eindeutig zu den letzteren. Alleine schon für das Storytelling: Alan Wake wird wie eine Fernsehserie erzählt, statt den sonst üblichen Kapitel spielt man Episoden, mit dazugehörigem Vorspann, “Bisher bei Alan Wake”, Cliffhanger am Ende und Abspann. Jede Folge hat eine eigene, in sich geschlossene Handlung, dazu gibt es die Handlung, die sich über die 6 Episoden des Hauptspieles erstreckt (und mit dem weit offenen Ende mehr oder weniger abgeschlossen ist) und die übergreifende Handlung, die uns auch noch in den DLCs und wahrscheinlich auch in Teil 2 begleiten wird. Kurz gesagt geht es darum, dass Alans Frau verschwindet und er selbst sein Gedächtnis verliert, woraufhin eine Geschichte, an deren Entstehung er sich nicht erinnert, Wahrheit wird. Manchmal fiel es mir ein wenig schwer, der Handlung zu folgen, was aber an den langen Spielpausen liegen könnte, sie ist prinzipiell sehr schön vermittelt und das Spiel zeichnet einfache, aber funktionierende Charaktere2.
Hauptgrund, Alan Wake gut zu finden, ist die Stimmung. Die Graphikengine tut genau das, was man von ihr erwartet. Sie ist in den hellen Szenen schön, aber nicht überragend, mit wenigen, peinlichen Artefakten aus der letzten Konsolengeneration, entfaltet aber in der Dunkelheit eine nie dagewesene Pracht. Remedy schafft es, selbst den stockfinsteren Wald irgendwie bedrohlich und materiell zu machen, ohne dass bei normalen Raumlichtverhältnissen die Helligkeit hochgestellt werden muss. Im Licht einer Leuchtfackel hingegen, die alle Gegner von einem fern hält, fühlt man sich alleine schon der Optik wegen irgendwie sicher, wenn sie die Nacht durchdringt und alles um einen herum verschwinden lässt. Die Lichteffekte sind eben einfach wunderschön. Und sehr, sehr, sehr böse. Denn dort wo Licht ist, ist auch Schatten und die Schattenberechnung hat Alan Wake so sehr drauf, dass ich mir mehr als einmal fast in die Hose machen musste, bloß weil ein Stuhl oder ein anderes Möbelstück einen Schatten warf. Noch viel, viel schlimmer ist aber die Soundkulisse, die beklemmend und furchteinflößend wirkt. Das erreicht sie durch einen Verzicht auf große Effekte, wodurch kleine Geräusche (wie, sagen wir mal, der absolut gruselige Widerhall der eigenen Schritte) viel mehr in den Vordergrund treten und einsame Videospieler in ihren dunklen Kammern erschrecken.
Erwähnte ich oben Wald? Ja, man läuft sehr viel durch den Wald. Den Höhepunkt bildet die dritte Episode, wo ich das Spiel fast aus der Konsole genommen und nie wieder eingelegt hätte, weil man eben durch den dunklen Wald läuft. Und nur durch den dunklen Wald. An spannenden Schauplätzen hat das Spiel aber später (und teilweise auch vorher) einige zu bieten. Alleine schon für die Metalbühne lohnt es sich, mir zu vertrauen und nicht vom Design der ersten Level auf den weiteren Verlauf zu schließen. Oft ist man dann auch nicht mehr alleine unterwegs, was den Actionanteil des Spiels deutlich erhöht, dafür aber den Grusel zurückschraubt. Gruselig ist übrigens auch die Steuerung. Was normalerweise, bis auf den Totalausfall beim nicht richtig funktionierenden Ausweichsystem, ganz ok funktioniert erweißt sich bei den, zum Glück meist optionalen, Hüpf- und Kletterpassagen als absoluter Krampf. Spätestens beim nicht umgehbaren, kurzen Parcour-Teil im Rennen gegen einen Wirbelsturm aus purer Bosheit, wird man total daran verzweifeln.
Es ist schwierig, unter Alan Wake ein Fazit zu setzen. Auf der einen Seite besticht es vor allem durch die langweiligen Kämpfe und einige, kleine Fehler, die in der Summe zu viel Gemecker geführt haben, auf der anderen Seite erzählt es aber eine spannende Gruselgeschichte, sieht oft einfach schön aus und es hat die Scheiße aus mir raus erschreckt, wie der Engländer sagt. Wenn man sich nicht gerade wünscht, dass die Gegner doch jetzt bitte endlich alle tot sein sollen, weil man einfache keine Lust mehr hat, sie zu bekämpfen, ist es spannend. Wenn man darauf steht, verschwitzt und mit zitterndem Controller vor der Konsole zu sitzen führt kaum ein Weg an Alan Wake vorbei. In 10 Jahren werden wir uns aber nicht an das tolle System erinnern, sondern nur noch an die Angst, die wir hatten.
Das Testexemplar wurde mir zur Verfügung gestellt von Gutschein Codes. Wenn ihr einen Redcoon Gutscheincode oder einen Medion Gutscheincode haben wollt: Dank mir wisst ihr jetzt ja, wo ihr die findet.
- Bevor jemand fragt: Ich habe das Spiel auf Schwer gespielt, der höhere der beiden von Anfang an verfügbaren Schwierigkeitsgrade. An mir liegt es also definitiv nicht. ↩
- Bei Videospielen werden die Ansprüche in dieser Hinsicht ja oft zurückgeschraubt. Für Videospielverhältnisse sind die Charaktere in Alan Wake also äußerst tiefgründig, für ein Buch oder einen Film wären sie das aber eben nicht. ↩

10 Kommentare
Pascal
9. Juni 2010
23:51
Wäre Twitter gerade zu erreichen hätte ich es dort natürlich gerne wie üblich angekündigt, aber die zeigen ja wieder lieber Bilder von Julians Mama.
Hier der Kurzlink, falls ihr das Word spreaden wollt: http://www.nes-is-dead.de/k7v
Suffkopp
9. Juni 2010
23:59
soll ich der Aussage “Alan Wake ist toll, ihr könnt es euch kaufen” wirklich glauben (hab jetzt nicht weiter gelesen)
Jeremy
10. Juni 2010
00:00
Gefällt mir.
Und wäre ich nicht so eine faule Sau, würde ich mich nun endlich bei Flattr anmelden und dich mit meinem Geld vollfurzen. Äh, flattrn.
Pascal
10. Juni 2010
00:18
@Suffkopp: Drum steht da ja, es sei die Kurzfassung. Wenn du es genauer wissen willst musst du es halt lesen. So ist das im Leben.
@Jeremy: Einfach ohne Geld anfurzen ist auch ok, ich steh drauf.
mkraxx
10. Juni 2010
15:34
Ahhh, jetzt dämmerts langsam, DAS war der “gesponsorte” Artikel, auch jetzt kann ich echt nix Schlimmes daran finden, schön geschrieben und eigene Meinung vertreten würde ich mal sagen…
Wie läufts mit der Fabu’schen Aktion bei dir? Skyrocketing Hits?
Pascal
10. Juni 2010
21:51
Skyrocketing nicht gerade, aber man merkt es. Bildblog war irgendwie erfolgreicher ;)
Manu
14. Juni 2010
06:57
Schön geschrieben. Mir wurden die Kämpfe ehrlich gesagt nie langweilig, ich hätte das noch stundenlang so weitermachen können. Dafür fand ich die Sammelei nervig.
Pascal
14. Juni 2010
08:54
Stimmt, aber Sammelei ist ja mehr so freiwillig, die kann man getrost ignorieren. Ich hab die Kaffeekannen mitgenommen, wenn ich eine sah, alle Manuskriptseiten, an denen ich vorbeikam, gelesen und einmal sogar eine Dosenpyramide umgeschossen, aber das war es dann auch schon.
Rockstah
21. Juni 2010
11:19
Ich finds auch großartig, allerdings war mir der Gruselfaktor eindeutig zu weit unten angesetzt. Da hätte mehr gehen können. Die Kämpfe haben auf jeden Fall was nerviges, die Big Bosses fehlen + die Abwechslung. Aber es ist trotzdem eines der großen Highlights in 2010. Kann dir nicht sagen warum. Ist einfach so. War am Ende glücklich.
Geheimtipp is im Übrigen das neue Prince of Persia. Das sieht schick aus, hat ein paar schöne neue Moves, der finale Abschnitt is großartig und generell macht es halt Spaß. Nur mal so am Rande.
Pascal
21. Juni 2010
15:15
Es gibt durchaus Bosse: Die schnellen Besessenen oder die mit den Kettensägen. Aber sie müssen einen Degraded Boss pullen und die später zu normalen Gegnern werden lassen. Und sowas kotzt mich persönlich immer an. Bossgegner haben gefälligst groß und badass und einmalig zu sein.
Wobei man, wenn man sich mal von der physikalischen Definition von “Bossgegner” löst und auch eine Situation als Bossgegner bezeichnen würde (was in vielen Spielen ja auch durchaus zutrifft) hat Alan Wake schon gute. Den Kampf gegen die Lokomotive oder die Schlacht auf der Bühne zum Beispiel. Die sind groß, badass und einmalig.
Prince of Persia werde ich gepflegt übergehen. Eigentlich hasse ich Hüpfspiele und habe das Cellshading-POP gerade wegen der Casualität (Hobby Nummer 118: Wörter erfinden) gemocht.