Kunst und so
Ach, dieser Christian Schmidt. Ich kannte den Mann nicht einmal, ich habe auch nie Gamestar gelesen, bis plötzlich das ganze Internet voll war mit ihm und dem, was er so gesagt hat und wie ihr das findet und wo er Recht und Unrecht hat und wie hart er doch seine Mutter ficken soll, bevor er, auf der Autobahn mit etwas giftigem spielend, langsam und qualvoll verreckt, hat uns der Niveau-Limbo-Block dann auch freundlicherweise mitgeteilt. Es war mir natürlich relativ egal, weil ich zum dem Thema keine Meinung beziehen kann, die über “Ja. Nein. Vielleicht. Ach, leck mich doch!” hinausgeht, weil beide Seite Recht haben, weil es für beides eine Zielgruppe gibt und beides seine Existenzberechtigung hat, wobei Zielgruppe noch nicht einmal personell, sondern zeitlich zu sehen ist, weil ich, je nach Laune und Ziel, zu beiden Seiten gehöre. Was mich aber quälte war die Argumentation vieler, angeführt von Petra Fröhlich, geborene Maueröder – oh, so alt bin ich schon? – und Alexander Laschewski-Voigt, die im Grunde beide sagten, Spiele seien halt dumm und müssten auch nichts anderes sein. Denn die beiden Aussagen wetteifern darum, welche von ihnen falscher sein kann.
Die Geschichte der Kunst hat sich relativ linear entwickelt. Historiker wie Deutschlehrer werden bereits jetzt im Krankenhaus liegend den Text lesen, da sie wegen ihres schweren Herzinfarktes eingeliefert werden mussten. Aber doch, so ist es. Früher gab es mal Bilder, mit Mammuts und starken Männern, die diese erlegten, während die Frauen daheim saßen, kochten und den Stein großzügig mit Febreze reinigten, weil der Mammutgeruch immer so schlimm darin hängen bleibt. Irgendwann erfand dann jemand die Worte und wir brauchten keine Bilder mehr, um uns zu verständigen, also unterließen wir das und führten Bilder größtenteils dem reinen Selbstzweck zu und benutzten sie ansonsten nur dort, wo Worte versagten. Programmierer kennen so etwas zum Beispiel als tapetenfüllende Klassendiagramme, BWL-Studenten malen viel lieber Geschäftsprozesse auf ihre Wände. Etwas parallel dazu entwickelte sich Musik, bei der ich keine Ahnung habe, welchen Zweck sie ursprünglich erfüllen sollte. Vielleicht war sie Teil eines Balzrituales, was sie im Fall der Familie Iglesias bis heute ist, oder diente der Abschreckung des Feindes. Vielleicht unterschied sich das auch von Exemplar zu Exemplar, also hätte ich wohl Feinde abgeschreckt und Freddie Mercury hätte Weibchen damit angelockt und im Endeffekt wäre jeder damit unzufrieden gewesen. Schließlich erwuchs aus der Schrift die Schauspielerei, die sich damit abmühte, Worte so von einem Stück Papier abzulesen, dass das alles irgendwie geordnet Sinn ergibt. Dann passierte lange nichts. Dann kam das Mittelalter und es entwickelte sich einfach alles wieder rückläufig und wir hungerten und stanken. Schließlich wurde dann doch wieder alles gut und wir erfanden den Stummfilm, eine Kombination aus Schreibkunst im Drehbuch, Malen in der Bildsprache und der Schauspielerei. Als wir dann merkten, dass wir noch eine Tonspur auf die Filmrolle bekommen, konnten wir sogar noch Musik irgendwie damit vereinen.
Der Film war jetzt also lange Jahre die höchste Form der Kunst, da er alle bisherigen Kunstformen vereinte. Er musste das nicht alles gleichzeitig können, aber er musste das alles gleichzeitig tun, weil ein Film ohne Bild oder ohne Ton nicht beim Publikum akzeptiert wird. Es gibt Filme, die sich auf eine der Kunstform verlassen: 2001 funktioniert nur durch seine schönen Bilder, hat aber ein schwaches Drehbuch, während zum Beispiel Chasing Amy, viele werden das jetzt googlen müssen, zwar nicht sonderlich schön ist, aber ein wahnsinnig unterhaltsames Script hat. Den Versuch, Interaktion in Kunstprodukten zu bieten, gab es schon immer. Oder zumindest schon sehr, sehr lang, die Historiker und Deutschlehrer können uns vielleicht aufklären, wenn sie sich von ihrem Herzinfarkt erholt haben. Genannt seien hier Abenteuerspielbücher und Rockkonzerte, die tatsächlich nichts sind, als Teilnahme an der Kunstform der Musik, wenn wir mitgrölen.
Wenn wir den Gedanken etwas weiterverfolgen gelangen wir an den Punkt, dass Videospiele die höchste, derzeit bekannte Kunstform sind. Sie vereinen, wie der Film, die verschiedensten Kunstformen in sich und ergänzen diese um eine Interaktionsmöglichkeit des Publikums. Ich haderte kurz mit mir, ob ich das Entwickeln von Spielen und Programmieren als Kunstformen mit aufnehmen soll, was gerade bei mir natürlich sehr nahe läge, weil ich dann Künstler wäre, aber beides ist dann doch zu technisch und nur ein Mittel zum Zweck, um die Kunst zum Ausdruck zu bringen, aber der geneigte Leser darf beides gerne noch zu den Videospielen hinzufügen, da bei einigen Beispielen mein Gerede auch ansonsten stark überstrapaziert werden müsste, um noch Sinn zu ergeben. Videospiele haben dabei genau das gleiche Recht, das ein Film hat, manche dieser Kunstformen in den Hintergrund zu stellen. Ein Gears of War hat nun nicht das bewegendste Script der Welt, aber eine großartig ausgearbeitete Bildsprache. Deadly Premonition ist in vielerlei Hinsicht mehr als fragwürdig, hat aber mindestens die großartigste Handlung seit Outcast.
Was ich sagen will, mit diesen wahnsinnig vielen Worten und verschwurbelten Sätzen, die ich nur einbaute, um klug zu wirken, damit mir jemand das Recht zuspricht, mir eine Meinung zu solchen Themen zu bilden, ist, dass Spiele gar nicht nicht intelligent betrachtet werden können, egal wie sehr sie es auch versuchen, wenn sie uns Ramirez nennen und anbrüllen. Denn ja, ein Modern Warfare kann man, als gebildeter, überheblicher Videospieleblogger, in etwa genauso betrachten wie Arthouse-Fans einen Film von Michael Bay und ihm einfach jegliche künstlerische Qualität absprechen – ich betone, an beiden kann man trotzdem sehr viel Spaß haben! -, aber selbst das verlangt ja schon die tiefergehende Betrachtung, also das intellektuelle Auseinandersetzen mit dem Medium.
Wir können über ausnahmslos alle Spiele intelligent schreiben. Wir müssen nur darüber reden, ob wir das wollen.
PS: Mir wurde zugetragen, dass Architektur ja auch eine Kunst sei und dass man diese auch in Spielen finden kann. Stimmt. Denkt euch das einfach dazu. Denkt euch einfach alles dazu, was man irgendwie als Kunst ansehen könnte.
PPS: Das “PS” war gelogen, ich schrieb den Teil, während der Artikel noch gar nicht fertig war. Es ist sozusagen ein “künstlerisches PS”.

5 Kommentare
Ben
28. September 2011
09:50
Ich finde wir sollten dringend aufhören uns Videospiele schön zu reden. Von Literatur oder Film ist das alles meilenweit entfernt. Deadly Premonition als Beispiel für ein künstlerisches Spiel? Man nehme ein schlechtes Spiel und schneide es zwischen eine schlechte Twin-Peaks Kopie und die ungebildete Gamerschaft verfällt in Jubel. Meine These: Deadly Premonition würde als Anime-Serie genau so funktionieren und niemand würde das langweilige Zombiezeug vermissen. Mit der Interaktivität passiert nämlich überhaupt nix, man ballert in abgeschlossenen Arenen Monster platt, wie in jedem anderen Spiel. Wenn das Kunst ist, dann werden alle Spiele seit 30 Jahren vom selben Künstler geschaffen.
“Wir können über ausnahmslos alle Spiele intelligent schreiben. Wir müssen nur darüber reden, ob wir das wollen.”
Das. Allerdings hat diese Erkenntnis rein gar nichts mit den 5 Absätzen davor zu tun. Man kann über alles intelligent schreiben.
(übrigens ne niedlich-naive Vorstellung medialer Entwicklung, hach).
bluntman3000
28. September 2011
10:56
Ich musste Chasing Amy nicht googlen. Weil Jason Mewes.
Darüber hinaus hätte ich Lust, einen Artikel zum selben Thema zu schreiben, in dem hinter dem Dings dann nur “Ja. Nein. Vielleicht. Ach, leck mich doch!” steht. Aber das wäre geklaut und keine Kunst und somit scheiße. Schade.
Pascal
28. September 2011
14:55
@bluntman3000: Ach, besser gut geklaut als schlecht selbstgemacht. Außerdem gibt es seit ungefähr 1387 keine neuen Einfälle mehr, nur noch Remixes der alten. Im Zweifelsfall gilt sowieso “Simpsons did it”.
@Ben: Qualitativ hast du sicher recht, da sind Videospiele noch etwas, ähm, aufholbedürftig, das ist ein netter Ausdruck. Aber sie könnten theoretisch ein deutlich höheres Niveau erreichen, das Medium setzt ja keine schlechte Qualität voraus, was ich aber bei vielen Leuten mehr oder weniger deutlich gehört habe. Wir können und müssen das alles scheiße finden so gut es geht, damit es irgendwann besser wird.
Entweder versteh ich dein Gelaber über Deadly Premonition nicht oder du gibst mir sogar recht. Klar, ist an vielen Stellen echt mies, aber das Script ist großartig und würde so auch in jeder anderen Form funktionieren (davon bin ich tatsächlich überzeugt, ich würde Deadly Premonition auch als Roman kaufen). Das andere Teile weit hinter den Möglichkeiten zurückbleiben liegt ja nicht am Medium Videospiel, sondern einfach am Produkt selbst, es hätte viel mehr Möglichkeiten.
TL;DR: Videospiele sind kein schlechtes Medium, sie werden nur bei weitem nicht ausgeschöpft. Ich glaube, da sind wir uns einig.
Jingleball
28. September 2011
16:22
Ich gehöre dann wohl auch zur “ungebildeten Gamerschaft”, da ich DP ja auch was positives abgewinnen konnte, obleich die Actionparts mir tierisch auf den Zwirn gegangen sind. Ob man aber jetzt tatsächlich “einfacher gestrickt ist”, wenn man dieses und jenes gut findet, halte ich mal für eine gewagte These und ich wäre an der Stelle auch auch raus aus der Debatte, würde es denn eine geben.
//Wir können über ausnahmslos alle Spiele intelligent schreiben. Wir müssen nur darüber reden, ob wir das wollen.//
Ich weiß nicht, ob wir darüber reden müssen. Ich meine, nur weil ich nicht drüber spreche heisst das ja nicht, dass es mich nicht interessiert. Kunst interessiert mich, je weniger Worte sie zur Erläuterung bedarf, umso besser funktioniert sie für mich. :)
Und naja, ich bevorzuge bei Texten über Spiele am liebsten immernoch die schlichten Spielerlebnisse. Empfindungen etc., egal ob positiv oder negativ. Geschwurbelte und zum Teil auch prätentiöse Sachen findet man ja immer häufiger, die langweilen mich aber eher, oder sie sind einfach nicht mein Ding. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht “intelligent” genug, sie zu verstehen. Oder aber ich bin einfach zu schlau, das Gestellte dahinter zu leicht zu erkennen. ;) (Jedem das seine, würde ich jetzt mal einfach sagen)
Pascal, schön mal wieder was zu lesen hier. :)
Christian
29. September 2011
12:47
*signed*
Ich wage zu behaupten, dass das Dein bester Text bislang war. Zumindest ist es einer, den gerne ich geschrieben hätte ;-)