Paradiesische Aussicht

Sonnenaufgang in Boston
(Bild: Werner Kunz)
Meine Finger sind schweißnass. Der Zähler arbeitet unermüdlich gegen mich. Mit jeder Millisekunde schwinden meine Chancen auf den neuen Rekord. Jemand war schon wieder besser als ich. Mir kommen nur ein paar vereinzelte Autos entgegen, es ist ja auch drei Uhr in der Nacht. Ihre Lichter sehe ich gut, das ist ein Vorteil, doch wenn ein Betonpfeiler auf mich zurast würde mein Lichtkegel ihn erst im letzten Moment erleuchten. Bumm, und das wäre es dann gewesen. Gekonnt weiche ich einem weiteren Fahrzeug aus und tauche in einen Hinterhof ab, um wertvolle Sekunden gut zu machen.

Der Hinterhof erweißt sich als Lagerplatz für Schiffscontainer, die kreuz und quer herumstehen. An einem hab ich meinen Rückspiegel verloren, aber so wie mein Auto aussieht macht das nun auch keinen Unterschied mehr. Mit Hilfe einer kleinen Sprungschanze (wer stellt hier eigentlich die ganzen Sprungschanzen auf?) überfliege ich die Mauer zur Straße und presche in die nächstbeste Wand. Totalschaden. Aber das ist mir egal: Der Straßenekord ist mein, nie ist hier jemand schneller gefahren.

Kaum ist mein Auto wieder auf den Beinen, pardon, Rädern, heize ich mit Bleifuß quer durch die Stadt um zum nächsten Event zu gelangen, doch ich werde von einem anderen Fahrer gestört. Nicht nur, dass er mir einen Kratzer in den noch frischen Lack macht, sein Auto gefällt mir auch. Ich nehme die Verfolgung auf, was durch den langsam wieder aufkeimenden Verkehr nicht leichter gemacht wird. Ich rase neben ihn und dränge ihn in die Leitplanke, doch er bremst gekonnt ab und entkommt mir noch einmal. Wir heizen auf die Brücke zu, die die Halbinsel mit den Bergen verbindet. Da war doch diese Mittelbegrenzung…

Ich halte mich neben ihm bis wir uns in der Mitte der Brücke befinden und ramme ihm mit voller Wucht die Farhertür aus den Angeln. Sein rechter Vorderreifen berührt nur ganz kurz die Mauer in der Mitte der Fahrbahn, das reicht aber um ihn in die Luft zu heben und auf dem Dach weiterfahren zu lassen. Strike! Das Auto wird vom örtlichen Schrotthändler wieder her- und mir zur Verfügung gestellt.

Ein paar Meter weiter lasse ich an der Ampel meinen Montor aufheulen und die Reifen durchdrehen um allen anwesenden anzuzeigen, dass ich bereit bin von einer unabhängigen Jury bewerten zu lassen, was ich mit meinem Fahrzeug so alles anstellen kann. Zum Glück bin ich in der Nähe des Steinbruches, also rase ich den Berg hinauf und ohne Rücksicht auf Verluste springe, indem ich mein Auto zweimal überschlage, in die Mitte der Grube. Gut für die Arbeiter im Steinbruch: Es sind keine da. Ich kann also herumpreschen, über den Fluss springen, die Anlagen zweckentfremden und Punkte sammeln ohne dass ich dabei jemanden gefährden würde. Ich schließe damit ab dass ich den Steinbruch verlasse, die Straße hinunterflitze und quer über eine Baustelle spring, mich dabei einmal mit dem ganzen Fahrzeug im Kreis drehe, neben dem Fluss lande und währenddesse die paradiesische Aussicht genieße.

Burnout Paradise ist ein Rennspiel für Leute die Rennspiele hassen und nur ungern Luft holen. Und macht einen Heidenspaß1.

Yeaahh!
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  1. Bedeutet “Heidenspaß” eigentlich dass Christen, Juden, Moslems, Hinduisten, Buddhisten und was es noch so gibt keinen Spaß haben?

Du willst es doch auch!