RE: Killerspiele sind Landminen für die Seele

letterbox
(Bild: Kaptain Kobold)
Weil ich gerade eben schon wieder davon gelesen habe hole ich einfach mal meine (natürlich nicht zur Kentniss genommene) Antwort von meinem alten Blog rüber, die ich damals an die Verantwortlichen gesendet habe.

Sehr geehrte Gruppe “Kölner Aufruf gegen Computergewalt”, sehr geehrte Frau Prof. Dr. Maria Mies,

mit großem Interesse las ich ihren Artikel “Wie kommt der Krieg in die Köpfe – und in die Herzen?”. Zu meinem Bedauern muss ich ihnen mitteilen, dass ich als erwachsener, leidenschaftlicher Videospieler in vielen Punkten nicht mit ihnen übereinstimme. Zuersteinmal möchte ich sie darum bitten ihre Quellen offenzulegen, da sie ständig von neuen wissenschaftlichen Erkentnissen reden, die sie aber nicht belegen. Besonders die Aussage “Über 3500 empirische Untersuchungen belegen den Zusammenhag zwischen dem Konsum von Mediengewalt und gesteigerter Aggressivität.” wirkt ohne Quellenangabe wie eine um der Polemik Willen aus der Luft gegriffene Zahl.

Weiterhin muss ich sie ein klein wenig belehren, was die Investition des Militärs in Videospiele anbelangt. Es ist richtig dass schon seit Jahren Videospiele zum Training eingesetzt werden (genauso wie übrigens auch z.B. bei Piloten oder Herzchirurgen), diese sind jedoch nicht für Zivilisten zugänglich. Der erste (und bisher auch letzte) nennenswerte Versuch des Militärs im Videospielebereich Fuß zu fassen war das von ihnen genannte “America’s Army”, welches ungefähr 10 Jahre nach der Begründung des Videospiel-Genres “Ego-Shooter” erschien. Dieses wurde auch in der Gaming-Szene nicht sehr gut aufgefasst. Erstens, weil es als Spiel nur mittelmäßig ist (was sie nicht sonderlich interessieren dürfte), zweitens, weil viele Spieler ein moralisches Problem darin sahen, ein Spiel des US-Militärs zu spielen.

Als “Training für den Kampfeinsatz” kann man solche Spiele übrigens nur mit sehr viel gutem Willen bezeichnen. Wer nicht bereits ein psychisches Problem hat ist durchaus in der Lage zwischen Spiel und Realität zu unterscheiden. Das Problem der Abstumpfung gegenüber Gewaltwahrnehmung (Ich möchte noch einmal betonen: Wahrnehmung, nicht Ausübung!) ist natürlich gegeben. Abgestumpft ist aber auch wer zum Beispiel jeden Abend die neuesten Kriegsberichte in den Tagesthemen schaut oder das Buch “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque gelesen hat.

Die von ihnen zitierten “Spezialkenntnisse über Waffen und militärische Taktik” kann man genausogut jedem frei verkäuflichen Militärmagazin entnehmen. Wie genau diese Waffen zu bedienen sind entnimmt man den Magazinen sogar sehr viel genauer als einem Videospiel, da ein Mausklick zum Abfeuern und ein Tastendruck zum Nachladen einer Waffe ja wohl kaum mit der realen Bedienung einer Waffe zu vergleichen sind.

Außerdem ist es vielleicht ihrer Kentniss entgangen, dass in Deutschland bereits Gesetze existieren die genau das durchsetzen sollen, was sie verlangen. Kriegsverherrlichende Spiele dürfen grundsätzlich nicht verkauft oder importiert werden. Spiele mit einem hohen Gewaltgrad werden auch direkt indiziert und dürfen entweder nicht beworben oder (meistens) auch nicht verkauft werden. Wenn diese Kriterien nicht erfüllt sind erhalten Spiele eine rechtlich bindende Altersfreigabe, die mit einem sehr großen Symbol auf der Packung angebracht werden muss. Sie sehen: Kinder und Jugendliche können sich “Killerspiele” (wie sie es bezeichnen) bereits jetzt nur illegal und/oder im Ausland beschaffen. Und dies wird auch mit noch strengeren Gesetzen nicht aufhören. Im Gegenteil werden dadurch erwachsene Spieler wie ich auch zu solchen Maßnahmen gezwungen und die deutsche Wirtschaft als Ganzes geschädigt.

Die Verantwortung, diese Gesetze durchzusetzen, liegt also tatsächlich bei Händlern, Eltern und Erziehern, die dafür sorgen müssen, dass Jugendliche nur Videospiele spielen, die für sie geeignet sind. Es ist tatsächlich auch mein Ziel, “dass Menschenrechte, Grundgesetz und Völkerrecht durch Gewaltspiele” nicht “unterminiert” werden, da die aktuellen, im direkten Vergleich zu anderen Ländern harten und mehr als ausreichenden Jugendschutzgesetze, nicht eingehalten werden.

Ich würde mich freuen, von ihnen eine Stellungnahme zu den von mir genannten Punkten zu erhalten. Ich werde auch diesen Brief, ihre Antwort und jeden weiteren Schriftverkehr (wenn sie dies wünschen sinngemäß gekürzt) als Gegendarstellung zu ihrem Schreiben veröffentlichten.

Mit freundlichen Grüßen,
Pascal Simon

4 Kommentare

Wer sich nach dem Brief nicht wenigstens dazu durchringen kann, eine Antwort zu verfassen und sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen, bei dem ist nicht nur Hopfen und Malz, sondern auch alles andere verloren. Mich hast du jedenfalls überzeugt^^

Übrigens fand ich “Im Westen nichts neues” tausendmal abstoßender als Braindead, Starship Troopers, Bad Taste, Dawn of the dead (inklusive Remake), Dead Rising, Gears of War, Doom 3 und Counter-Strike (ja, sogar das böse Counter-Strike!) zusammen.

Wer mit verschwendeten Steuergeldern argumentiert ( erinnert mich an eine South Park-Folge: “Sie klauen unsere Jobs!!!”), seinen roten Faden bis hin zu Grundrechtsverletzung laufen lässt, absolut alles beschuldigt, das auch nur das Geringste mit der Spieleindustrie zu tun hat, das längst etablierte Videospielformat in seiner Gesamtheit als Kulturgut negiert
und einseitige Aussagen publiziert wiet
“Verantwortlich sind also nicht Eltern, Lehrerinnen und Lehrer (…)”, der wird wohl kaum ein Ohr für die Gegenseite entwickeln und erst recht nicht Bereitschaft, den Sachverhalt differenziert zu betrachten.

Verzeiht die mangelnde Ausführung von meiner Seite und den in Eile aufgesetzten Wortlaut. Alles was ich sagen will:

Daumen hoch für den Brief und das Flagge zeigen. Fehlende Reaktion und Schweigen sind auch eine Aussage.

Tut mir leid dass du gerade am Viva Piñata Tag herkommen musstest, dieses Augenrausbrennen hier ist nicht beständig ;)

Aber du hast mich gerade auf was gebracht, der Text erinnert mich an einen Flyer mit dem Wahlprogramm der DVU den ich mal gelesen habe, da stand das Selbe drauf, nur dass überall “Videospiel” durch “Ausländer” ersetzt wurde. Zusammenhänge sind noch zu erforschen.

Du willst es doch auch!