Test: Shadow Complex

Es ist düster. Und komplex. Und spielt in einem schattigen Komplex. Es ist O(n^n), denn mal im Ernst, das ist eine richtig böse und somit schattendunkle Komplexität. Und ich bin heute kein bisschen kalauerig drauf. Haha. Now for something completely different, denn mal ehrlich, von den Wortspielen mit Shadow Complex gab es in den letzten Wochen schon mehr als genug. Außerdem gibt das Spiel auch jede Menge Text her wenn ich mir die verbleibenden 317 Witze erspare. Das meiste davon wird Lobhudelei1, aber im Gegensatz zu vielen anderen Testern kann ich meinem Gehirn auch ein paar tadelnde Worte entlocken, auch wenn es nicht viele sein werden.

Ich war von Shadow Complex schon ein Fanboy lange bevor es erschien. Ich muss zu meiner Schande gestehen dass ich kein Spiel gespielt habe, dass Metroid oder Castlevania im Namen trug, aber ich mochte die Idee schon immer: Frei erkundbare, große Welt, dargereicht auf einer praktischen Karte, Unmengen versteckter Dinge, Backtracking bis man die Gegner mit verbundenen Augen und Händen auf dem Rücken trifft. Und dann auch noch Minirollenspielelemente. Wahnsinn, ein Spiel für mich. Man könnte fast meinen Chair Entertainment hätte meinen Kopf aufgeschraubt und das perfekte Spiel ausgebuddelt und dann zu Computer gebraucht. Wahnsinn. Und ich muss sagen: Ich wurde nicht enttäuscht. Fast.

Das herausragendste an Shadow Complex dürfte ohne Frage die Grafik sein. Da Epic sich nicht zwischen zwei Stühle setzen wollte entschieden sie sich letztes Jahr dann dazu, sich für einen der beiden zu entscheiden2 und kaufte Chair Entertainment, die bisher auf sich Aufmerksam machten durch Spiele wie… Ja, was eigentlich? Underhäh? Naja, jedenfalls scheint das so gut gewesen zu sein dass Epic sich dachte, sie bräuchten die Jungs unbedingt. Und sie gaben ihnen die Unreal Engine 3 an die Hand, um Shadow Complex zu entwickeln. Was passiert wohl wenn man Zugriff auf die Entwickler der leistungsstärksten Engine seit dem echten Leben hat? Bingo, man kann wahnsinnig viel damit anstellen. Und genau das tut Shadow Complex. Es sieht, besonders für ein Arcade Game, einfach schön aus. Ich könnte jetzt anfangen von den Texturen, den Schattenspielen3 und den Partikeleffekten und allem zu schwärmen, aber was viel wichtiger ist: Die Grafik ist stimmig. Und bis auf eine nachbuffernde Textur und einen kleinen Geometriefehler habe ich mich nie belästigt gefühlt, ich dachte jedes Mal: Wow, genauso sieht eine unterirdische Anlage eines militärischen Geheimbundes im Herzen der USA aus. Genau. So.

Apropos militärischer Geheimbund, das Spiel hat natürlich auch eine Story. Die noch dazu auf einem Buch (
Das große Spiel: Roman – Mit einem Vorwort von Arthur C. Clarke
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) basiert und von Peter David geschrieben wurde, der sich durch Comics, Romane zu Star Trek und (Achtung!) Romane zu Verfilmungen von Comics hervorgetan hat. In all ihrer Belanglosigkeit lässt sich die Handlung leider in einem Satz zusammenfassen: Junge und Mädchen gehen wandern, Mädchen wird geraubt, Junge will Mädchen retten, Junge legt Abertausende von Menschen um, deckt Verschwörung auf, rettet die Welt, Twist, Abspann, Achievement, dankeschön. Wirklich nachvollziehbarer Charaktere gibt es nicht. Jason, so heißt der Junge, purzelt mit einem Flashback in das Abenteuer, welcher kurz erklärt, warum er denn so unglaublich gut klettern, schießen und Menschen von hinten niederknüppeln kann. Das Mädchen, keine Ahnung wie sie eigentlich hieß, kommt so gut wie gar nicht darin vor. Einen Antagonisten gibt es, der hat aber weder einen Namen4, noch ein Gesicht, noch eine tragende Rolle und kommt eigentlich nur in den letzten 15 Minuten in ein paar Cutscenes vor. Ich wollte mich ja eigentlich nicht mehr über ihn lustig machen, aber wenn Shadow Complex verfilmt wird wird die Hauptrolle hoffentlich mit Till Schweiger besetzt. Böse kucken und Menschen abknallen, mehr muss er nicht dafür tun, und das kann Till Schweiger beides sehr gut!

Bedecken wir nun also die Handlung mit dem Mantel der Liebe und hoffen, dass sie nie wieder darunter hervorkriecht. Denn das Spiel das ich hinter dem Puzzle aus vier Teilen versteckt ist es allemal wert, das Leid zu ertragen, das der Plot über uns bringt. Wer schonmal ein Metroidvania gespielt hat braucht diesen Abschnitt erst ab dem, als freundlichen Kundenservice, fett geschriebenen Wort zu lesen. Man beginnt das Spiel nur ausgerüstet mit einer Taschenlampe und einem Paar Knien. Erstere kann man an- und ausschalten, sie kann leuchten und man kann damit ganz lustig dunkle Ecken heller machen. Letztere kann man durchbiegen und dann blitzartig wieder ausfahren, was im Volksmund “Springen” genannt wird. Außerdem kann man nach links laufen. Und nach rechts. Das wars auch schon. Recht schnell findet man aber auch den Rucksack von Claire5, mit der Kletterausrüstung darin. Jetzt kann man sich sogar schon an Wänden hochhangeln, was man auch zwingend braucht um zur Pistole zu kommen, die man kurz darauf findet. Die funktioniert genauso wie die Taschenlampe, nur dass es lustige Geräusche und Menschen tot macht wenn man sie anschaltet. Die Pistole wiederrum braucht man, um die Granaten zu finden, die man als Sekundärwaffe nur in begrenzter Anzahl zur Verfügung hat, im Gegensatz zu den Primärwaffen mit ihrer auf magische Art und Weise erscheinenden Munition. Das kennt man aus Fantasyfilmen, die nie enden wollenden Köcher. Und so geht es das ganze Spiel über weiter, finde Gegenstand A, denn den brauchst du, um Gegenstand B zu finden. Hier kriegt auch die Taschenlampe endlich einen praktischen Nutzen, denn zerstörbare Gegenstände leuchten bunt auf. Die Farbe gibt Aufschluss darüber was man benötigt, um den Gang dahinter freizulegen. Orange und Grün sind recht einfach: Primärwaffe jeglicher Art beziehungsweise Granaten. Lila und Rot kann man erst im späteren Spielverlauf öffnen, das sind Schaum und Raketen.
Apropos Schaum: Man findet schnelltrocknenden Bauschaum den man durch die Gegend ballern kann, um sich seine eigenen Treppen und Leitern zu bauen. Oder Gegner einzuschaumen, die sich dann nicht mehr rühren können. Das Konzept, sich seine eigene Geometrie erschaffen zu können, wird leider im Hauptspiel nie richtig aufgeriffen, man erreicht jeden Punkt auch ohne den Schaum. Dadurch, dass man für viele Passagen starke Waffen benötigt um sie zu öffnen, wird es oft nötig in alte Spielabschnitte zurückzukehren, um sich alle dort versteckten Extras zu holen. Was aber nur ein nettes Gimmick ist, das Spiel ist auf “Normal” schon so einfach, dass man es ohne große Upgrade-Hatz spielen kann. Es ist aber bestimmt ein unglaubliches Gefühl mit einer voll ausgebauten Omegarüstung und allen Upgrades (einschließlich goldener Waffen, die doppelte Erfahrungspunkte bringen) durch Gegnerhorden zu pflügen.

Habt ihr eben auch dieses Erfahrungspunkte gehört? Wer hat das gesagt? Ich? Oh, ja, stimmt, denn in Shadow Complex kann man auch noch seinen Charakter hochleveln indem man Menschen tötet oder, ganz pazifistisch, den Komplex erkundet. Da kriegt man dann schonmal 100 Lebenspunkte extra, die Genauigkeit des automatischen Zielens verbessert sich oder man läuft schneller. Auf Level 20 deckt man die komplette Karte auf, bei Level 50 gibts ein Achievement. Der Clou: Der Level bleibt, im Gegensatz zur Ausrüstung, beim Neustart erhalten. Inklusive den 100 Lebenspunkten und der aufgedeckten Karte, was den Einstieg und vor allem die Achievementjagd sehr viel einfacher macht. Davon abgesehen habe ich die Vorteile, also die verbesserten Charaktereigenschaften, nie gespürt. Aber jedes Next-Gen-Spiel braucht Rollenspielelemente. Ausnahmslos.

Bleibt nur ein letzter Kritikpunkt: Der Bosskampf. Ich möchte es vermeiden, aber man könnte sich durch diesen Teil gespoilert fühlen. Der Bosskampf kommt so plötzlich und überraschend um die Ecke, dass er die Jagd nach Upgrades äußerst abrupt beendet. Als Mission steht auf dem Kartenbildschirm eindeutig, ich solle die Omegarüstung vervollständigen, doch das Missionsziel zeigt auf den Punkt, an dem man den Bosskampf unzurücknehmbar auslöst. Das fand ich gemein, denn nachdem man den Bosskampf ausgelöst hat kann man einen bestimmten Teil der Karte nichtmehr gefahrlos passieren, sondern wird von Unmengen Gegnern attackiert, was das Sammeln der Upgrades deutlich schwieriger macht. Und dann ist der Kampf auch noch absolut langweilig und lächerlich einfach. Also seid vor zwei Dingen gewarnt: Erstens löst man den Bosskampf sehr plötzlich aus, versucht das zu vermeiden. Zweitens ist ein Teil der Karte nur während diesem zu erreichen, man kann also vorher nie 100% der Karte erforschen, versucht es also erst gar nicht. Spoiler Ende.
Als Fazit kann ich sagen: Kauft euch Shadow Complex. Es gibt nicht viel was dagegen spricht. Ich hätte es auch als Vollpreisspiel genommen, aber nein, den Spaß gibt es schon für 15€! Für Gelegenheitsspieler bietet das einmalige Durchspielen ein paar unterhaltsame Stunden, für Hardcorerspieler langen Spaß um alle Herausforderungen zu meistern. Das Spiel auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad in 3 Stunden durchspielen? Immer doch! Ich bin mir nicht sicher ob es siegen kann, aber ein guter Anwärter auf den Thron des besten Arcade Games aller Zeiten.
